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Wenn die Schulter wieder gleitet: Wie ich durch Loslassen zurück ins Wasser fand

20. Sept.
3 Min. Lesezeit
FELDENKRAIS & KÖRPERBEWUSSTSEIN

Monatelang bedeutete jeder Kraulzug einen stechenden Schmerz im Gelenk. Erst als ich aufhörte, gegen meinen Körper zu kämpfen, und die sanfte Bewegung des Schulterblatts wiederentdeckte, kehrte die Leichtigkeit zurück.



Der Schmerz, der mich an den Beckenrand verbannte


Schwimmen war für mich immer mehr als Sport – es war Meditation in Bewegung, ein schwereloses Gleiten durch kühles Wasser. Doch schleichend verwandelte sich jeder Armzug in eine Zerreißprobe. Ein diffuses Stechen an der Vorderseite der Schulter wurde zu einem dauerhaften Begleiter, bis schließlich selbst das Anheben des Arms unerträglich schmerzte. Die Diagnose klang vertraut: Überlastung, Impingement, Entzündung.


Mein erster Instinkt war der klassische: dehnen, kräftigen, die Zähne zusammenbeißen. Doch je mehr ich versuchte, die Schulter durch Willenskraft und Krafttraining wieder 'in Form' zu zwingen, desto hartnäckiger wehrte sich das Gewebe. Der Körper zog sich zusammen, der Nacken verhärtete sich, und das Wasser rückte in weite Ferne.



Die Wende: Lernen durch Nicht-Tun


Obwohl es für mich als Feldenkrais Trainerin, nicht etwas völlig Neues ist, lag es für mich doch nicht nahe die Beschwerden konsequent mit dem Feldenkrais Ansatz zu behandeln. Anstatt Übungen gegen den Schmerz zu machen, zurück auf den Boden, winzige Bewegungen ausführen und vor allem: sofort aufhören, sobald Anstrengung oder Schmerz spürbar sind.


„Erst wenn du weißt, was du tust, kannst du tun, was du willst.“ — Moshé Feldenkrais

Es war eine fundamentale Verschiebung der Perspektive: Nicht der Muskel war das Problem, sondern das Bewegungsmuster, mit dem mein Gehirn den Arm steuerte. Ich hatte verlernt, wie sich mühelose Koordination anfühlt.



Die Entdeckung des Schulterblatts: Eine schwimmende Insel


In den Lektionen richtete sich der Fokus auf eine anatomische Struktur, der ich zuvor kaum Beachtung geschenkt hatte: die Scapula, das Schulterblatt. Das Schulterblatt hat keine feste knöcherne Verbindung zur Wirbelsäule – es ist eine frei bewegliche Platte, die auf dem Rippenbogen gleitet, eingebettet in Muskeln und Faszien.


Das Muster des Festhaltens


  • Schulterblätter werden starr nach hinten-unten fixiert.

  • Der Oberarmkopf schlägt ungebremst am Schulterdach an.

  • Nackenmuskeln und Brustkorb verkrampfen kompensatorisch.

Das Muster des Gleitens


  • Das Schulterblatt dreht und gleitet synchron mit dem Arm mit.

  • Der Gelenkspalt bleibt weit und frei von schmerzhafter Reibung.

  • Die Bewegung verteilt sich harmonisch über Brustkorb und Rippen.


PRAKTISCHE SPÜRÜBUNG

3 Minuten für mehr Raum: Das schwebende Schulterblatt


Setze dich aufrecht und bequem auf einen Stuhl. Lasse beide Arme entspannt an den Seiten hängen. Atme ruhig ein und aus.


  1. Minimale Bewegung: Hebe die betroffene Schulter nur wenige Millimeter sanft in Richtung Ohr. Gehe nur so weit, wie es sich vollkommen mühelos anfühlt.

  2. Das Sinkenlassen: Beobachte nicht das Heben, sondern das Loslassen. Spüre, wie das Schulterblatt durch die Schwerkraft von selbst nach unten gleitet.

  3. Die Verbindung: Spüre nach, wie deine Rippen auf der gleichen Seite nachgeben und der Atem im Brustkorb weiter wird.

  4. Vergleich: Halte inne und vergleiche die beiden Schultern. Fühlt sich die bewegte Seite breiter, schwerer oder weiter an?



Zurück im Wasser: Vom Festhalten zum mühelosen Vortrieb


Als ich nach Wochen behutsamen Lernens zum ersten Mal wieder ins Schwimmbecken stieg, war alles anders. Ich dachte nicht mehr daran, wie stark mein Zug war oder wie schnell ich die Bahn durchquerte. Mein einziger Fokus lag darauf, wie das Schulterblatt bei der Vorschwingphase nach vorne glitt und den Arm mitnahm, anstatt dass der Arm das Gelenk zog.


Der Schmerz blieb aus. Was stattdessen spürbar wurde, war eine tiefe, fast vergessene Freude an der Bewegung. Feldenkrais hat mir nicht nur meine Schulter zurückgegeben – es hat mir gezeigt, dass Heilung oft dort beginnt, wo wir aufhören zu kämpfen und lernen, loszulassen.


 
 
 

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